Ein historischer Roman ..... Ein psychologischer Roman .... Ein esoterischer Roman ?
Ein Junge, ein junger Mann vom Land, ein "Hinterwäldler" flieht spontan aus seinem bisherigen Leben als Roßknecht. Heraus aus der fast archaischen Ordnung eines abgelegenen Bauernhofs hinein in die Welt der Metropole, ins Zentrum der habsburgischen Vielvölkerwelt - Wien zu Beginn des 20sten Jahrhunderts.
Alles stürzt auf ihn ein, die Menschenvielfalt, neue Technik, Verkehr, Denkmodelle, Lebensgeschichten und -philosophien.
Und es ist der Tag vor Beginn des 1. Weltkriegs.
Wir lesen von Wien, seiner Geschichte, dem babylonischen Völkergemisch, der Weltstadt, der Eleganz und der Armut und Verdorbenheit. Und von Hans Ranftler, dem Außenseiter: "Niemand, den er kannte, war je in Wien gewesen."
Wie dieser Stadt sich nähern, wie dieser Zeit, wie soll man begreifen, was sich dort abspielt ?
Hier legt die Autorin Raphaela Edelbauer eine zweite Romanebene unter die erste. Das Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Zentrum der Psychologie, des Okkulten wie der beginnenden Wissenschaft. Vom Mesmerismus hergekommen, hin zu Freud, Carl Gustav Jung oder Gustave Le Bon. Es war Aufbruch, Aufbruch der Frauen hin zu einem selbstbestimmten Leben, Aufbruch der Sexualität heraus aus einer verklemmten Vergangenheit. Aber das Interessanteste war der Abgrund der menschlichen - und der gesamtgesellschaftlichen - Psyche.
Also führt uns Edelbauer zusammen mit Hans hinab in die Wiener Unterwelt, und gleichzeitig in den düstern Abgrund unserer Seele. Ein dunkler Sumpf, irreal, erdrückend, der alles zu sich hinabzieht. Und nur der Analytiker konnte helfen - dem Einzelnen, nicht der "Masse".
Denn die Masse geht den Weg des Irrationalen - Nicht die Menschen bringen die Ideen in die Welt, im Gegenteil ".... daß sich die Ideen die Menschen zu eigen machen". Die Idee ist das Primäre, die Menschen auf Ihrer Suche folgen Ihr. Volkskörper, Nation, Vaterland, der Kaiser, Österreich ..... es ist Krieg.
In einem mathematisch-philosophischen Essay versucht die Autorin - in Person ihres Alter Ego Klara - dieses massenpsychologische Phänomen noch durch klare Regeln einzuhegen, nur um eben dadurch doch im Bereich des irrationalen, des INKOMMENSURABLEN zu stranden. "Zeichne ein rechtwinkliges Dreieck der Seitenlänge 1" - da ist es dann schon, das "Inkommensurable" (die Hypotenuse als Quadratwurzel aus 2 ist eine irrationale Zahl = nicht durch ganze Zahlen oder Brüche aus ganzen Zahlen darstellbar).
Österreich - und die Welt - gerät in den Krieg, die Wissenschaft in Form der Psychologie erweist sich als Popanz. Wortgeklingel, wirkungslos.
Die "Inkommensurablen" von Raphaela Edelbauer ist ein durch und durch österreichischer Roman. Provokativ möchte ich sagen: ein Heimatroman. Ja - ganz wunderbar.... und unverständlich. Ein Meisterwerk mit begrenzter Lesbarkeit. Zweifellos ein literarisches Ereignis - aber der Leser ist nahezu erschlagen.